Blankenbach und das Stöffche
Main-Echo Pressespiegel

Blankenbach und das Stöffche

Blankenbach: Einst Zentrum für den Obstanbau- Heute ist nur ein Betrieb geblieben - Besuch der mobilen Kelterei
Blankenbach  Wir wis­sen nicht, ob Schnee­witt­chen von ih­rer bö­sen Stief­mut­ter mit ei­nem Ap­fel aus Blan­ken­bach ver­gif­tet wur­de. Durch­aus mög­lich, denn an­geb­lich leb­ten die sie­ben Zwer­ge ja ganz in der Nähe bei Wie­sen. Und einst wa­ren Blan­ken­ba­cher Äp­fel be­rühmt. Al­ler­dings, wer will schon mit ei­nem ver­gif­te­ten Ap­fel in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den? Auf je­den Fall sind Blan­ken­bach und der Ap­fel eng mit­ein­an­der ver­bun­den.

In Blankenbach gab es einst zwölf Obsthändler und Keltereien, schreibt das Spessartprojekt. Helmut Hofmann von der Kelterei Hofmann schätzt, dass es sogar an die 30 waren, wenn man alle kleinen Betriebe mitrechnet. Der Durchbruch kam ab 1898 mit der Kahlgrundbahn, die in den Anfangsjahren bis zum Frankfurter Ostbahnhof fuhr. Damit bestand die Möglichkeit, den im Kahlgrund gekelterten Apfelwein direkt nach Frankfurt zu liefern. Dort wurden Mitte des 19. Jahrhunderts allein in Sachsenhausen rund eine Million Liter Apfelwein pro Jahr getrunken.

Auf den Geschmack gekommen, sollen die Frankfurter den Rohstoff für ihr "Stöffche" gleich zugweise aus dem Kahlgrund bestellt haben. Und nicht nur die Frankfurter: Bis ins Saarland sollen Äpfel aus dem Kahlgrund per Bahn gelangt sein. 1917 lag der Rekord bei 250.000 Zentner Obst, die aus dem Kahlgrund herausgefahren wurden.

Wie das Spessartprojekt schreibt, war der Verkauf von Obst oder Apfelwein in der Armutsperiode des Kahlgrunds im 19./20. Jahrhundert für die bäuerlichen Familien oft die einzige Chance, "Geld auf die Hand" zu bekommen. Im 19. Jahrhundert wurde der Anbau junger Obstbäume daher von Staat und Kommunen gefördert.

Heute lohnt sich der Anbau von Obst nicht mehr. Dieter Wissel aus Königshofen von den Obstbaumrettern erinnert sich: 1978 gab es für den Zentner Äpfel noch 12,50 Mark von den Mostereien, heute fängt das bei vier Euro an. Wissel: "Da lohnt sich das Bücken nicht mehr." Seit der Flurbereinigung in den 1970er-Jahren sei die Hälfte aller Obstbäume im Kahlgrund verschwunden, sagt er. Und von der anderen Hälfte seien zwei Drittel so betagt, dass sie in den nächsten Jahren absterben.

Dem Gemeinderat hat im März 2018 ein Experte vorgerechnet, dass es in Blankenbach nur noch etwas mehr als 20 Prozent des Obstbaumbestands von 1965 gibt. Allein um den Bestand zu erhalten, müssten jedes Jahr 100 neue Bäume gepflanzt werden. Für Dieter Wissel hat Blankenbach trotzdem weiterhin neben Sailauf das Anrecht auf den Titel als beste Streuobstgemeinde verdient.

Die letzte Kelterei im Ort, die Kelterei Hofmann, verarbeitet bei weitem nicht mehr so viel wie zu ihren Glanzzeiten. Wehmütig zeigt Helmut Hofmann Bilder von damals, als noch ganze Lastzüge mit Äpfeln auf den Hof fuhren. Doch die Konkurrenz ist hart. Am Ende werden wahrscheinlich nur noch zwei große Betriebe im Kahlgrund übrig bleiben, vermutet er. Längst hat sich seine Familie mit einer Gastwirtschaft und Brennerei ein weiteres Standbein geschaffen.

Hofmann will mit dem Keltern so lange weitermachen, wie es geht. Seine Kundschaft seien zu 90 Prozent Gastwirtschaften, bis nach Mainz und Wiesbaden. Die größten Mengen würden aber weiterhin die Apfelweinkneipen in Sachsenhausen abnehmen. Die meisten seiner Äpfel stammen aus der näheren Umgebung. Aus Krombach, von Obernburg her oder aus dem Würzburger Raum. Blankenbacher Äpfel hat er so gut wie keine mehr.

Kleinere Mengen will Helmut Hofmann auch nicht keltern. Das lohne nicht, denn danach müsse er die Kelter drei Stunden lang putzen. Für die kleineren Obstbauern kommt einmal im Jahr die mobile Kelterei. Früher im Besitz von Dieter Wissel, hat sie dieser aus gesundheitlichen Gründen an den Frankfurter Verein Mainäppelhaus Lohrberg verkauft, der sich für den Erhalt und die Pflege von Streuobstwiesen einsetzt. Wissel hatte auch ein Kaufangebot aus Berlin, "aber ich wollte, dass die Kelterei in der Gegend bleibt".

Wilfred Stöcker-Lebzien ist quasi der Geschäftsführer der mobilen Kelterei. "Ich habe das gerne übernommen", sagt der Rentner, "aber es ist schon eine schwere Arbeit". Im September und Oktober steht er fast jeden Tag an einem anderen Ort - vom Odenwald über den Spessart bis in den Taunus hinein. Er hat die Aufgabe übernommen, damit Streuobstbestände weiter gepflegt werden. "Ich bin wohl der einzige hier, der kein Geld bekommt", sagt Stöcker-Lebzien.

Mit dabei hat er zwei Helfer: Für das Geschwisterpaar Pauline und Moritz Teupke aus Frankfurt ist dies ein Job. "Es macht schon Spaß", sagt Pauline Teupke, aber jeden Tag möchte sie das nicht machen. Am Vortag war noch ein anderer Helfer dabei. Der setzt aber aus, nachdem ihn zweimal die überall herumschwirrenden Wespen gestochen haben.

Der Vorteil der fahrbaren Kelterei ist es, dass sie über eine Bandpresse verfügt, also quasi am laufenden Band pressen kann, unabhängig von der Menge. Die Äpfel werden automatisch gewaschen, zerkleinert und dann gepresst. Der Saft kann für Apfelwein direkt abgefüllt werden, oder er wird bei 80 Grad pasteurisiert und luftdicht in Fünf-Liter-Beuteln verpackt, die wiederum in eine Pappbox kommen. "Bag in Box" nennt sich das neudeutsch. 18 Monate hält sich der Saft so, und, wie Wilfred Stöcker-Lebzien versichert, auch geöffnet bleibt er zwei Monate im Kühlschrank haltbar.

Die Menschen, die zum Keltern kommen, müssen sich anmelden und bekommen eine Uhrzeit zugewiesen. 15 Termine hat Wilfred Stöcker-Lebzien heute am Fußballplatz in Blankenbach. Einer davon ist Max Brückner aus Geiselbach. Er hat sich kurzfristig angemeldet, als er von der mobilen Kelterei gelesen hat. Im vergangenen Jahr hätten sich die Keltereien geweigert, seine Äpfel anzunehmen. Fünf Säcke hat er dieses Jahr geerntet. Zwei davon hat er schon selber gepresst für Apfelwein. "Das ist immer ein großer Spaß für die ganze Familie", erzählt er. Die restlichen drei Säcke lässt er jetzt zu Saft verarbeiten. Gut 57 Liter hat er am Ende. "Damit komme ich gut über die Runden", sagt er.

Werner Fleckenstein aus Sommerkahl bringt dagegen einen ganzen Hänger voll Äpfel mit. Über 20 Säcke hat er, aus denen er Most gepresst haben will. Den lässt er per Schlauch in große Plastikfässer füllen. Für Apfelwein. 400 Liter, so schätzt er, gibt das für ihn und seinen Schwiegersohn. 400 Liter Apfelwein im Jahr? Nein, meint er, für zwei Jahre, denn normalerweise gebe es nur jedes zweite Jahr eine gute Ernte. Billig ist das Keltern nicht. Saft vom Discounter ist billiger, "aber da weiß ich wenigstens, wo die Äpfel her sind", sagt Fleckenstein.

100 Kilo Äpfel beträgt normalerweise die Mindestmenge für das Keltern. Aber heute kommt ein Kunde mit gerade einmal drei Eimern voll. Der wird dann einfach zwischenrein geschoben, die Bandpresse macht's möglich. Mit 120 Kilo knapp über der Mindestmenge haben Melanie Gottlieb und ihr Bruder Michael Schönrain aus Kleinkahl mitgebracht. Alle Äpfel von nur einem Baum, erzählt Melanie Gottlieb stolz. Sie haben von der Kelteraktion im Mitteilungsblatt gelesen. Am Ende können sie 18 Fünf-Liter-Pack Saft mit nach Hause nehmen.

Aber wo sind die Blankenbacher Äpfel? Zwei junge Burschen machen Hoffnung. "Wir sind aus Blankenbach", erzählen sie. Bis sich herausstellt, dass sie nur zum Helfen mitgekommen sind. Die Äpfel selber stammen aus Kleinkahl. Wenn Schneewittchen heute auf einen Blankenbacher Apfel bestehen würde - sie hätte gute Chancen nicht vergiftet zu werden.

Josef Pömmerl ist Mitglied der Regionalredaktion Aschaffenburg und betreut hier die Bereiche Landkreispolitik und Verkehrsthemen. Zudem ist er für fünf Gemeinden im oberen Kahlgrund zuständig. Für das Main-Echo ist er seit 27 Jahren tätig, zunächst in den Außenredaktionen Wertheim und Alzenau, später für die Landredaktion in Aschaffenburg.

Zahlen und Fakten: Blankenbach

Die Gemeinde Blankenbach entstand 1966 durch den Zusammenschluss der vorher selbstständigen Gemeinden Großblankenbach und Kleinblankenbach, die nördlich und südlich der Kahl lagen. Hinzu kam noch das Dorf Erlenbach. Benannt ist der Ort nach dem Blankenbach, der durch Kleinblankenbach fließt und auf Höhe des Bahnhofs in die Kahl mündet.

Blankenbach blickt auf eine über 800-jährige Geschichte zurück. Die Kahl bildete bis in das 19. Jahrhundert die Grenze zweier Herrschaftsbereiche: Großblankenbach gehörte zur Herrschaft der Grafen Schönborn, Kurmainz herrschte über Kleinblankenbach und Erlenbach. Dies zeigt auch das Gemeindewappen: Oben der Löwe aus dem Familienwappen der Schönborns, darunter das Mainzer Rad, getrennt durch silberne Wellen der Kahl.

Blankenbach hat 1516 Einwohner (Stand Ende 2019), die auf rund vier Quadratkilometern Fläche wohnen. Seit der Gebietsreform 1972 gehört es zum Landkreis Aschaffenburg, vorher zum bis dahin selbstständigen Landkreis Alzenau. Bürgermeister ist seit 2008 Matthias Müller, der im März mit 93,3 Prozent der Stimmen wiedergewählt wurde. joe

18.09.2020
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