Radtour mit virtuellem Begleiter
Main-Echo Pressespiegel

Radtour mit virtuellem Begleiter

Schöllkrippen: Mit Bürgermeister Marc Babo die Radwege in der Marktgemeinde erkundet - Radwegexperte Markus Belz zugeschaltet
SCHÖLLKRIPPEN  Von un­se­rem Re­dak­teur JO­SEF PÖM­MERLSc­höllkrip­pen setzt aufs Rad. Kaum ei­ne Ge­mein­de im Kreis Aschaf­fen­burg in­ves­tiert der­ma­ßen viel Geld in Aus­bau und Bau neu­er Rad­we­ge. Da­ran än­dert auch der Wech­sel im Bür­ger­meis­ter­amt nichts. Im kom­men­den Jahr ste­hen zwei neue Pro­jek­te an: der Bau des Radwegs vom Ortskern nach Schneppenbach und der Lückenschluss von Schneppenbach in Richtung Westerngrund.
Mit Bürgermeister Marc Babo (CSU) sind wir die Routen mit dem Fahrrad abgefahren. Mit dabei: Markus Belz, gebürtiger Schöllkrippener und ausgewiesener Fachmann in Sachen Radwege. Allerdings war Markus Belz nicht körperlich dabei, sondern nur virtuell. Per Videokonferenz kommentierte er von seinem Wohnort in Stuttgart aus die Strecke und gab Tipps.
Vor zehn Jahren, so Belz, habe man über die Thematik Radwege noch nicht so reden können wie heute. Denn das Elektrofahrrad habe das Thema revolutioniert. Früher habe es auch schon Leute gegeben, die mit dem Fahrrad die Berge hoch gefahren sind, aber das waren »sportliche Typen«. Heute mit dem E-Bike sei das auch für normale Menschen kein Problem.
Verkehrsmittel für den Alltag
Entsprechend habe sich der Zweck des Radfahrens gewandelt. Vom Sportgerät zum Verkehrsmittel für den Alltag. Und auch die Reichweiten haben sich gewandelt. Das müsse man bei der Planung der Radwege bedenken. »Nicht an einzelne Wegstrecken denken, sondern immer das Netz im Sinn haben«, so der Radfachmann.
Ein ganz wichtiger Punkt sind für ihn sichere Abstellmöglichkeiten für das Rad. Diese sollten so groß konzipiert sein, dass dort auch Lastenräder oder Räder mit Anhängern abgestellt werden können. Sie sollten zudem über Ladestationen verfügen. Denn das Einkaufen mit dem Rad werde zunehmen. Erst jetzt hat der Solarverein Oberer Kahlgrund sein neues Lastenfahrrad eingeweiht. Und auch Bürgermeister Marc Babo überlegt, privat ein entsprechendes Rad für seine Einkäufe anzuschaffen. Daher begrüßt es Markus Belz ausdrücklich, dass Schöllkrippen eine Verbindung von den Discountermärkten in der Aschaffenburger Straße zum Kahltalradweg schaffen will. Zugleich verweist er aber darauf, dass man sicherstellen müsse, dass Abstellflächen für Lastenbikes und Ladestationen nicht von anderen Radfahrern zugestellt werden. Entsprechende Hinweisschilder gebe es schon.
Einfache und schnelle Routen
Einfache und schnelle Verbindungen seien wichtig, sagt Markus Belz. Mit dem Argument, Radfahren sei umweltfreundlich, schaffe man es höchstens, dass zehn Prozent der Autofahrer auf das Rad umsteigen. Mit dem Argument, Radfahren sei gesund vielleicht noch ein paar mehr. »Wenn die Menschen aber feststellen, dass sie mit dem Rad schneller in den Ort gelangen und auch leichter einen Abstellplatz finden, dann schaffen wir es, dass 30 Prozent umsteigen.« Wie in Bozen (Südtirol), wo Markus Belz vorher gearbeitet hat.
Nicht überall müsse man dafür neue Radwege schaffen. Nach Vormwald hoch - hier ist langfristig ein Radweg geplant - genüge es, wegen des geringen Verkehrsaufkommens erst einmal einen Radwegstreifen bergauf zu markieren. Gerade bergauf sei der Geschwindigkeitsunterschied zwischen Auto und Rad gewaltig. Markus Belz rät, wo es geht mit roter Farbe zu arbeiten, um auf Radwege aufmerksam zu machen.
In Bozen wurden viele sichere Radwege entlang der Flüsse und Bäche geschaffen. Schöllkrippen plant Ähnliches. Zwischenhalt an der Bücke am Bachweg: Hier soll im kommenden Jahr der Bau des Radwegs entlang des Bachs nach Schneppenbach beginnen. Eine wichtige örtliche Verbindung. Man könnte sie sogar als überörtliche bezeichnen, sagt Marc Babo.
Waghalsig auf der Waagstraße
Es ist dem Bürgermeister wichtig, dass die Radfahrer von der Waagstraße wegkommen. Denn dort leben Fahrradfahrer gefährlich. Ein Autofahrer mit einem kleinen schwarzen Flitzer liefert beim Weiterfahren den Beweis. Mit aufheulendem Motor und mehreren Fehlzündungen überholt er in einer waghalsigen Aktion die beiden Fahrradfahrer vor sich und schwenkt knapp vor dem Gegenverkehr wieder ein. So knapp, dass Marc Babo abbremsen muss. Dies erlebe er hier häufiger auf dem Weg von und zur Arbeit, sagt der Bürgermeister.
In Schneppenbach zeigt Babo, wo der Anschluss für den Radweg nach Westerngrund geplant ist. Auch dieses Projekt soll, wenn es geht, nächstes Jahr in Angriff genommen werden. Ab Schneppenbach bis Hofstädten sind bereits Wege vorhanden. Allerdings verlaufen diese streckenweise sehr zickzack. Es gibt aber eine kurze, geschotterte Alternative. Wer allerdings nach Geiselbach weiterfahren will, muss in Hofstädten ein Stück auf der Ortsstraße fahren. Auch der Radweg zum Kreisel an der »Spinne« fehlt noch.
Sicher gestalten
Wichtig ist es nach Angaben von Markus Belz ebenfalls, die Anfangs- und Endpunkte der Radwege sicher zu gestalten, etwa mit Verkehrsinseln. Hier kritisiert er beispielsweise, dass der Radweg von Sommerkahl entlang der Staatsstraße direkt auf die Straße mündet. Marc Babo verspricht Verbesserungen, wenn ab kommendem Jahr die Aschaffenburger Straße ausgebaut wird.
Gibt es denn auch ein Beispiel, was in Schöllkrippen besonders gut gestaltet wurde? Ja, sagt Markus Belz per Video-App, allerdings mehr für die Fußgänger. Den Rathausgarten und das Umfeld des Rathauses seien sehr gelungen. Weniger gelungen findet er dagegen die Situation vor dem Bahnhof. Das sei »kein Empfangsplatz« für eine Gemeinde, sagt Belz. Er hofft aber, dass sich die Situation für Radfahrer und Fußgänger mit Umsetzung des hier geplanten Großkreisels deutlich entschärfen wird.
Mehr Orte unter www.main-echo.de/ 75jahre -75orte
Redakteur Josef Pömmerl arbeitet seit über 25 Jahren beim Main-Echo, zunächst in der Redaktion Wertheim, dann in der Redaktion Alzenau. Seit über zehn Jahren ist er Mitglied in der Aschaffenburger Regionalredaktion, zuständig für die Themen Kreispolitik und Verkehr. Zudem betreut er fünf Gemeinden im oberen Kahlgrund.




16.09.2020
mehr unter www.main-echo.de
Schließen Drucken Nach Oben